Der eigene Anteil

Was ist mein Anteil an meiner Liebesbeziehung, meinem Arbeitsumfeld, meinem Familienleben? Wie ist meine Beziehung zu meinem Körper? Wie weit lasse ich mich ein? Was vermeide ich? Wo ist meine Grenze?

Es gibt kein Leben ohne Beziehung. Jede ist unterschiedlich: fest, flüchtig, intensiv, distanziert, gewollt, ungewollt, regelmäßig oder sporadisch. Unsere Beziehungen sind geprägt von den verschiedenen Anteilen, die in uns sind.

Manchmal wollen wir kontrollieren, manchmal werden wir kontrolliert. Manchmal fühlen wir uns unterdrückt, nicht gesehen oder gehört. In einem Konflikt fühlen wir uns oft als Opfer. Bei einem Streit, bei körperlichen Beschwerden oder in einer verfahrenen Situation sind wir unglücklich und fühlen uns machtlos. Meist denken wir, es gibt keinen Ausweg. Und doch haben wir ganz oft die Lösung in uns. Den Anteil zu erkennen, der aus einer verfahrenen Situation einen gangbaren Weg macht, der uns aus der Opferhaltung in autonomes Handeln kommen lässt, kurz: der Anteil, in dem die Lösung liegt, ist in uns selbst. Und diesen Anteil können wir in uns entdecken und stärken.

Kein anderes Medium lässt die verschiedenen Anteile, die in uns allen sind, so deutlich werden wie die Aufstellungsarbeit. Wir erkennen, wo wir verstrickt oder ganz wir selbst sind, wo wir verwirrt und ängstlich agieren oder wo wir klar sehen und eigenverantwortlich handeln.

 

Wie läuft die Aufstellungsarbeit ab?

Gruppenseminar

Ein Klient kommt mit einem Anliegen, das ihn aktuell belastet. Das Anliegen kann ein Satz, eine Frage oder eine Zeichnung sein. Das Anliegen ist entweder schon klar formuliert oder kann gemeinsam mit mir herausgearbeitet werden.

Es bildet den Rahmen für den weiteren Prozess.Nun benennt der Klient die einzelnen Elemente seines Anliegensatzes oder der Zeichnung und sucht für jeden Begriff einen Stellvertreter aus, den er im Raum aufstellt. So entsteht aus dem formulierten Anliegen ein räumliches Bild.

Die Stellvertreter gehen in Resonanz mit dem Begriff, den sie repräsentieren, man sagt auch, sie spüren sich (in ihre Rolle) ein, und es entwickelt sich ein dynamischer Prozess. Durch die Erfahrungen und Berichte der Stellvertreter erhält der Klient wichtige Informationen, die ihm oft nicht bewusst waren und ihn zu neuen Einsichten und Lösungen führen.

Einzelberatung

Die Arbeit funktioniert ähnlich wie in der Gruppe, nur wird hier anstelle von Personen mit Platzhaltern gearbeitet. Das können Gegenstände, Symbole, Kissen, o.ä. sein. Auch hier wird eine Situation nach dem inneren Bild aufgestellt, aus dem sich der Prozess entwickelt. Einzelberatungen sind ebenso sehr effektiv und können helfen, sich mit besonders sensiblen Themen auseinanderzusetzen.

 

Warum Aufstellungsarbeit?

Wenn wir uns innerlich zerrissen oder blockiert fühlen, wir unseren Platz im Leben suchen oder das Gefühl haben, unser Leben gerät aus den Fugen, kann die Ursache sehr weit zurückliegen. Möglicherweise sind es Erfahrungen aus der Kindheit, Geburt oder aus vorgeburtlicher Zeit, die uns überfordert und die wir vergessen haben. Die Folgen davon zeigen sich oft erst im Erwachsenenalter als körperliche oder psychische Symptome.

Diese können sich sehr unterschiedlich äußern, z.B. als Verwirrung, Erschöpfung, Stress, Panik, dauerhafte Anspannung, Lernblockaden u.a. oder auf körperlicher Ebene als Juckreiz, Magenprobleme, Herzrasen, Schwindel, Hautausschlag, Essstörungen, Kinderlosigkeit, um nur einige zu nennen. Jeder Mensch hat andere “Schwachstellen”, die darauf aufmerksam machen, das etwas nicht im Gleichgewicht ist. Die Symptome liefern uns in der Aufstellungsarbeit wichtige Hinweise und tragen zur Lösung bei.

Wenn medizinische Gründe ausgeschlossen sind und keine Ursache feststellbar ist, kann eine Aufstellung Klarheit erbringen. Klarheit ist der erste Weg zur Besserung.

Es gibt keine Verpflichtung zu fortlaufenden Sitzungen. Jeder Schritt, den Sie gehen möchten, entscheiden Sie immer wieder neu. Manchmal wirkt die Arbeit lange nach, manchmal braucht es kurzfristig eine weitere Klärung. Sie bestimmen den Abstand zwischen den Einzelgesprächen oder Seminaren. Sie spüren selbst, was Sie benötigen und entscheiden, wann und wie oft Sie kommen wollen.

Die Seminare finden in der Regel alle vier bis sechs Wochen statt, Einzelsitzungen werden individuell vereinbart.

 

Wie kann ich als dein Stellvertreter fühlen, was du fühlst?

Das Phänomen der Stellvertretung würde ich immer noch als Wunder bezeichnen, auch wenn sich seit geraumer Zeit die Hirnforschung damit beschäftigt und es inzwischen einige wissenschaftliche Erklärungsansätze gibt, s. Literatur. Eine Erklärung ist das limbische System unseres Gehirns, das in allen zwischenmenschlichen Begegnungen aktiviert wird, bekannt z.B. durch das “ansteckende” Gähnen. Auch die Spiegelneuronen werden verantwortlich gemacht im Zusammenspiel der feinstofflichen Gedankenübertragung. Wichtig dabei ist (und in der Aufstellungsarbeit erfahren wir es auch), dass wir permanent nonverbal kommunizieren.

Wie immer der Weg der Informationen aus dem Unbewussten sein mag: es ist faszinierend, wie treffsicher und zuverlässig Stellvertreter berichten und agieren. Wenn einmal das Anliegen aufgestellt ist, entsteht ein Resonanzfeld zwischen Klient und Stellvertretern. Die sich zeigenden Erfahrungen bzw. Äußerungen der Stellvertreter sind für den Aufstellenden außerordentlich hilfreich. In einer Aufstellung werden verborgene, wichtige Informationen mitgeteilt, Wahrheiten sichtbar, und können dadurch in unser Leben integriert werden.

 

Literaturtipps…

… für alle, die sich intensiver mit dem Thema befassen möchten:

  • Vivian Broughton, Zurück in mein Ich, Kösel Verlag, München, 2014
  • Peter Levine, Sprache ohne Worte, Kösel Verlag, München, 2010
  • Franz Ruppert, Verwirrte Seelen, Kösel Verlag, München, 2002; et.al.
  • Bessel van der Kolk, Verkörperter Schrecken, G.P.Probst Verlag, Lichtenau/Westfalen